Eine Bahnfahrt um die Ecke (SZ)

Dresdner Labor-Veranstaltung verbindet Bild mit Klang

Im Obergeschoß, gleich neben der Treppe des Palais im Dresdner Großen Garten, stand auf einem Podest ein tragbarer Fernseher. Das Video „fragment-b“ von Holger Wendland und Lutz Schwind zeigte einen pendelnden Stein vor vermauertem Fenster, das Meer wurde eingeblendet, ein Eisabbruch, verhüllte Figuren. lm Fensterein Kreis. Mann und Frau rückten Schnitt für Schnitt durchs Bild, Symbole auf Hemden tragend. Zeichnungen blätterten sich auf. Der Soundtrack: Drama am Klavier. Hinter dem Podest waren hundert schwarze Stühle gestapelt, im Fenster brannte ein Sonnenuntergang.
„Morphonic Lab III“ hieß die Vorfrührung des Künstlerbundes Dresden und der Staatlichen Schlösser und Gärten Dresden, die Arend Zwicker und Detlef Schweiger als Labor für bildende Künstler, die in ihr Schaffen die Klangerzeugung, Licht und Projektions-Performance aufgenommen haben, am Sonnabend veranstalteten.

Eine Arbeitssituation, kein Museum

Für den großen Saal hatten DS·X.org eine vorzügliche Bild·Ton·Umgebung eingerichtet, die sich veränderte, wenn Besucher den Raum btraten. Zu dem Grundklang eines unablässig rollenden Verkehrs oder einer eifrigen Industrie mischte sich neues Klopfen, Zischen, Summen, Sirren, Klingeln. lm Bild fächerten sich Quadrate auf. Das war keine Animation, bei der man nur einen Arm zu heben brauchte oder einen heftigen Schritt tun für einen lauten Ton, sondern ein unerwarteter Genuss.
ln den Nischen weitere Videos, leider war der Zettel für den „Traum“, der Schönheiten der Kunstgeschichte galant überblendete, ohne Namen. Der Apparat gegenüber: aus. Der Hinweis auf die Plastiken von Yasmht All - sie zeigten Frauen im Fallen - lag auf einer Spendenbox. Der Traum stammt von Petra Lorenz, Frank Herrmanns Arbeit ließ jetzt wieder ein eingeschreintes Gesicht sich auflösen.
Sein Gerät schafft keinen Loop. Detlef Schweiger wlederholte lächelnd das Wort Labor: eine Arbeitssitualion, kein Museum.

Konzerte waren der gut besuchte Höhepunkt

Wie angenehm, ja vergnügt sich in einem Labor die Zeit verbringen lässt, das in einem barocken, also altem Gemäuer gastiert, zeigte der Abend. lm SaaI spielten zwei Federball, hinten trank man bei Kerzenschein Bier und redete, DS·X.org fuhr eine Straßenbahn anheimelnd bekannt um die Ecke. Wer auf ToiIette musste, stand im Erdgeschoss ungeplant lange bei den Skulpturen von Hofbildhauer Balthasar Permoser und freute sich. Die Konzerte ab neun, der übliche und gut besuchte Höhepunkt der „Morphonic Lab“, entwickelten sich so aus einer Heiterkeit: Die herbe Düsternis der Musik war eine Provokation, keine Überwältigung. Die Stühle standen jetzt im Saal. Die Formation chen unst begann mit dem Puls und hohe aus zur Dekonstrukllon von Metal Music und zeigte dazu kalkuliert zwischen Kitsch und Gewalt widerstreitende Bilder.
Mr. lncognito und anaxy boten als DJs grandios gespenstischen U·Bahn·Sound. Sardh, mit frischer CD dabei, begannen archaisch, wie aus dem Grab geborgt, und hielten in ihrer Improvisation halbwegs die Spannung.

Von Uwe Satzbrenner

Sächsische Zeitung 25.10.2004

Zurück