Finale Depressionen in Hellerau

Finale Depressionen in Hellerau

„Morphonic Lab“ suhlt sich in Düsternis, während die Besucherbilanz der „Tonlagen“ für Aufhellung sorgt

Bequemer hatte man es schon zum Finalabend der diesjährigen Tonlagen - Festival für zeitgenössische Musik in Dresden - als eine Woche zuvor in Hellerau bei „raster noton“. Nein, „Heller Rauh“ war diese Ausgabe des „Morphonic Lab“ originell und treffend untertitelt, und rau ging es optisch wie akustisch auch tatsächlich zu. Nur, dass man eben mit dem Weinglas unter dem Stuhl dazu locker distanziert lümmeln konnte, während gegenüber auf den Technik-Traversen und der Videowand die Apokalypse beschworen wurde. Einen heiteren Ausklang hatte Musikdramaturgin Barbara Damm nicht an das Ende dieser zehn Tage zeitgenössischer Musik platziert. Aber es war ja nur ein gewisser Bert Brecht, der im „Guten Menschen von Sezuan“ unbedingt einen guten Schluss verlangte.

„Lebensfreude und Optimismus waren gestern, die inszenierte Heillosigkeit entspricht nur der von relevanten Bevölkerungsschichten ebenso empfundenen.“

Von Grenzüberschreitungen war vor und während dieses Festivals viel die Rede. Und das audiovisuelle Morphonic Lab, das vor 15 Jahren im Palais im Großen Garten seine Geburt erlebte und vielleicht auch provozierte, wird im Programmflyer als Auslöser von Verstörung aufgrund des Unerwarteten beschrieben. Nun, Verstörte sah man in der Samstagnacht nicht im Festspielhaus, es sei denn, man rechnet einzelne jüngere Leute mit nekromanen Gothic-Accessoires zu diesen. Und unerwartet kam solche mit Panikausbrüchen garnierte Düsternis auch nicht mehr. Lebensfreude und Optimismus waren gestern, die inszenierte Heillosigkeit entspricht nur der von relevanten Bevölkerungsschichten ebenso empfundenen. Wenn die Wirklichkeit Erträglichkeitsgrenzen überschreitet, muss ihr die Kunst nicht in gleicher Weise nachzueifern versuchen. Grenzüberschreitung wäre dann vielmehr eine zurück zum Erstrebenswerten.
Solche Rückgriffe auf das Archaische waren insbesondere in der ersten von fünf Abteilungen auch zu sehen. Ein vergleichsweise heiterer Beginn. Holotrop Berlin spielt mit uralten Zeichen und Symbolen, inszeniert eine phantastische Welt, sei es die Tief see oder der Wald als „ Heiliges Land“, Schemenhaft bringt eine Frauengestalt die humane Komponente organisch ein, und was wird da aus einer Schale oder einem Gral getrunken? Über den angedeuteten Brüchen liegt eher Trauer denn Grauen, der Sound, teils mit Obertongesang grundiert, verbreitet meditative, esoterische Ruhe.
Gäste aus Wroclaw, JOB KARMA, sorgten für den künstierischen, vor allem visuellen Höhepunkt des Abends. Diesen surrealen und doch so irdischen Horrorvisionen konnte man nicht mehr in entspannter Rücklage folgen. Großartige, wenn auch düsterste Videokunst, wie ein Animationsulm, der Gestalten aus Hiero-nymus Boschs Tausendjährigem Reich mit Kctthe-Kollwitz-Grafiken mischt und in eine Metropolis-Welt versetzt, die oft auch an ein KZ erinnert. Eine anonyme Masse von Totengestalten, Fabelwesen, „Zoo-Terra“, von mechanisierten Monstern beherrscht. Kindliche Unschuld hat keine Chance. Am Ende wird diese Geisterwelt mit Fernsehbildschirmen bombardiert, nachdem schon zu Beginn pulsierende Lautsprecher auch visuell die unheilvolle technisierte Musik illustrieren.
Rief solches noch nach Auseinandersetzung, ja Aufstand, blieb der Rest der Nacht destruktiv, und das auf meist simple Art SARDH, der eigentliche Betreiber von Moiphonic Lab aus Dresden, zeigte eine Viertelstunde einen unverwandten Trauerblick, begleitet von Konstantgeräuschterror und Live-Schreien. Burial Hex alias Clay Ruby, Gast aus Amerika, setzte in seiner Performance im Dunkeln noch einiges an röhrenden Verzweiflungsschreien hinzu auf unterlegte billige Tonfolgen der Zuspiele. Leider verletzte er sich dabei am Fuß offenbar sehr schmerzhaft und musste den Saal verlassen. Samuel Kerridge, als Shooting Star angekündigt, schoss dann auch den sprichwörtlichen Vogel ab und verbreitete mit Kanonaden seiner E-Gitarre und bizarren Schreien finale Depressivität. Öde Wiederholungen, in der Umgebung raunte jemand etwas von einer „Grufti-Disco“. Passend, dass man alles als Laboratorium präsentieren konnte, mithin also nichts Fertiges, Gültiges präsentieren musste.
Die Bilanz der aller zwei Jahre in Hellerau stattfindenden „Tonlagen“ fällt-indessen zumindest rechnerisch nicht so düster aus. Mit 3224 registrierten Besuchern knüpft man an Zahlen der Jahrgänge bis 2011 an. Was wiederum nachdenklich stimmt, weil folglich die thematischen und John Cage, Steve Reich und der Mini-mal-Music gewidmeten vergangenen beiden Festivals nicht solchen Zuspruch erlangten wie der diesjährige Mix.
Besser als jeder Rezensent wird das am morgigen Mittwoch eine siebenköpfige Jugendjury feststellen. Die 14- bis 19-jährigen haben alle 17 Konzerte und Veranstaltungen besucht, meist auch mit den Künstlern gesprochen und wollen nun die ihrer Meinung nach eindrücklichsten Ereignisse hervorheben. Erstmals gibt es solch ein „Schöffengericht“, das Bindungen an die Gymnasiastengeneration stärkt.

VON MICHAEL BARTSCH

NR. 255 | DIENSTAG, 1. NOVEMBER 2016 - KULTUR / BÜHNE DRESDEN

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