Finaler Vokalistenkampf und leidliche Wärme (SZ)

Industrielle Musikrevolution in der Bienertmühle

Wenn Gebäude weinen könnten, hätte die Dresdner Bienertmühle am Sonnabend so manche Träne des Glücks vergossen: Maschinenklänge drangen wieder aus dem gleichnamigen Saal mit seinem morbiden Ambiente. Die ehedem von Gottlieb Traugot Bienert betriebene Mühle wurde stilvoll zu neuem Leben erweckt.
Zuerst beschallte das fünfköpfige Audiokollektiv mit psychedelischen Kompositionen die leidlich erwärmte Halle. Die gut 200 Gäste hatten es sich auf Gartenstühlen bequem gemacht. Allerorten flammten Gespräche über Literatur, Kunst und Musik auf. Als das zweite Musiklabor, mit den Tribal-Noise-Poeten von Scatology, seine Vorstellung begann, verstummte aber auch der letzte Diskutant. Kraftvoll, klagend und drohend sangen, mischten und spielten die kostümierten Scatologyisten. Fotoapparate klickten, Bierflaschen leerten sich und stetiges Kopfnicken bezeugte, dass elektronische Rhythmen mit Pressstimmenduo und reichlich Bass den Geschmack des überwiegend szenisch-jungen Publikums trafen. Kaum hatte sich der Aplaus gelegt, gab Sardh - Dresdens dienstälteste Formation des Industrial-Genres – die Ehre. Die Neubesetzung im vergangenen Jahr scheint gelungen: Harmonisch arbeitetendie Musikkünstler mit ihren experimentellen Sound-Collagen. Nach Mitternacht fand die Vereinigung der Gruppen statt: Die erste Viertelstunde ließ sich noch zögelich an. Als aber Joe-L (Schlauchstimme) von Sardh seinen ebenbürtigen Vokalgegner in André Alabaster von Scartology fand, war der Kampf der Vokalisten eröffnet. Aus drei Laboren wurde der Maschinensaal mit einem musikalischen Spannungsbogen der Extraklasse durchwoben.
Für einige Gäste war das zuviel des Guten, sie verließen die Halle in Richtung Bar. Andere wiederum konnten nicht genug bekommen. Am Ende versöhnte DJ Disorder die Vokalkämpfer mit den hin und her gerissenen Gästen, indem er seinem Mischpult bravurös mächtigen Industriekrach entlockte.

Wulf Stiebenz

Sächsische Zeitung 27.03.2003

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