Kontrastmittel für barocke Innereien (DNN)

Morphonic Lab IV über zeugte im Palais im Großen Garten

„ Düsterer als im Vorjahr“ - Arend Zwicker, gemeinsam mit Detlef Schweiger lnitiator des Morphonic Lab, täuscht Ahnungslosigkeit vor. lm Eingangsbereich des Saals sei vielleicht etwas mehr Licht gewesen, aber sonst…
Es ist so dunkel im Festsaal des Palais im Großen Garten, dass man nicht sehen kann, ob er schmunzelt. Dabei wäre es gar kein Problem, die „Anschuldigung“ zuzugeben, schließlich ist es beinahe eine logische Konsequenz, in einem Baum mit einem derart morbiden Charme die entsprechende Atmosphäre zu inszenieren, zu projizieren, auszulegen und auszukosten. Es ist kurz nach  Acht, auf der Leinwand sind in verschwommenen, vergilbten Sequenzen schwarze Vögel und maskierte Männer unterwegs, davor sitzt der Dresdner Künstler Balog an seinem Rechner und jagt anscheinend deren Flangergeräusche zur Verfremdung und Anhäufung durch die Maschine - ein Heidenlärm. Von draußen drückt mal apokalyptisch rotes, mal dunstig grünes, mal gleißend weißes Licht die Schatten der Fenster auf die zerbröselnden Fresken und Stuckarbeiten im lnnern. Allein wer zur Decke schaut, erspäht ein vermeintliches Loch im Dach mit blauem Himmel und weißen Wölkchen zur nachtschlafenden Zeit. Zur Ausgabe IV des Morphonic Lab findet keine ästhetische Revolution statt, die düstere Grundstimmung ist ganz im Einklang mit dem Klangkosmos der alten. Schweiger und Zwicker involvierenden Dresdner Avantgarde/lndustrial/Ambient-Bands SARDH und chen unst, die in dieser Reihenfolge die konzertanten Performance-Höhepunkte des Abends bauen. Subkultur-Plattitüen einer immer beliebigerwerdenden Schwarzen-Szene-Symbolik sind dem Morphenie Lab jedoch völlig fremd, mit einem hohen Kunstanspruch begegnen die Veranstalter aber zweifelsohne der Aussage, dass zum Licht auch immer Schaltten gehört. Das spürt in diesem Saal mit seinen Seitenportalen jeder, der sichirgendwie bewegt, immer gerade irgendeine Videoprojektion streifend oder durchquerend. Wer einen unbelichteten Winkel gefunden zu haben glaubt, sieht sich bald von Zwickers durch die Gegend getragenem Projektor geblendet, der gleichzeitig aufzeichnet und zu späterer Stunde die geblendeten Gesichter mit den zerfallenden Strukturen der Palais-Wände und barock-höfisches Treiben beinhaltendem Filmmaterial collagieren wird. Vor der recht freien, aber wie gewohnt rauschend-berauschend-störenden Performance von SARDH beeindruckte vor allem der Berliner Künstler CoCaspar mit seiner ausdrucksstarken lndustrial-Performance. Mit einer silbernen Maske und einer Art verkümmerter Grubenlampe ausgestattet, ließ er nicht nur seine Paukenschläge hallend verstärken, sondern entlockte vor allem diversen ausrangierten Schläuchen und Rohren beinahe „natürliche“, mächtige Klänge als Begleitgeräusche einer sich auflösenden, künstlichen Zivilisation. Ins Negativ gewandelte Wohnblöcke und überdimensionierte, verfremdete Gebirgswelten auf der Leinwand hinter ihm.

Auch in dieser Ausgabe überzeugte das vom Kulturamt der Stadt geförderte Morphonic Lab sowohl durch seinen Experiment-Charakter als auch eine stimmige, für den Ort des Geschehens ungewöhnliche und kontrastreiche Gesamtkonzeption; da kann man die Hoffnung der Veranstalter auf einen weiterhin unsanierten Innenraum durchaus nachvollziehen.

Norbert Seidel

DNN 05.12.2005

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