Nicht immer am Puls (DNN)

Gut besucht das Morphonic Lab V im Palais im Großen Garten

Es ist, seinen Initiatioren sei Dank, zu einer vorsichtigen Institution geworden: Morphonic Lab im Palais im Großen Garten bedeutet, spannende Licht- und Klangperformance in einem dichten und forderden Kunstkontext, spielend mit dem unfertigen, im wahrsten Sinne des Wortes zwischenzeitlichen und freilich auch etwas morbiden Charakter der Räumlichkeiten. Besonders im letzten Jahr fesselten die Installations- und Gedankenspiele um Zerfall und Ausblick in einer außergewöhnlichen wie freilich auch für Momente anstrengenden Laborsituation.

Einen ideellen Zusatz gewann der diesjährige Abend wohl vor allem durch die Zusammenarbeit einer wild entschlossenen Gruppe junger Dresdner Akrobaten mit der zu Mit-Initiator Arend Zwicker gehörenden Experimentalsound-Formation chen unst. Eine große Matte inmitten des Saales, die unwirklich angestrahlten Restfresken an der Wand und Decke, die ungewöhnliche Melange, die viele gleich fest in ihren Bann zu ziehen schien.

Ein bestimmtes, vielleicht von Jahr zu Jahr variierendes Grundthema über die oben genannte Auseinandersetzung mit der räumlichen Atmosphäre hinausgehend, wäre jedoch zunehmend wünschenswert. Falls man die zu diversen Videoprojektionen, die nur auf recht abstrakter Ebene am gemeinsamen roten Faden hängen, gehörenden Schildchen überhaupt fände, wäre es dann freilich generell ganz nett, ein bisschen mehr über den einen oder anderen beteiligten Künstler zu erfahren. Sonst wird aus der Morphonik schnell ein amorphes Ganzes, für das sich vielleicht nur noch einseitig orientierte Leute begeistern können, die auch an einer Band wie Neuer Raum noch etwas Außergewöhnliches finden. Denn neu war am Sound der jungen Combo nicht sonderlich lobenswert der metallurgische Experimentansatz, seiner ganzen Spannung jedoch durch einen recht klischeehaften, gruftigen Gesangs-Output beraubt. Die fast nur noch wiederkäuende, schwarze „Szene“ hat doch genug Kinderspielplätze außerhalb solch ungewöhnlicher Veranstaltungskontexte, muss das sein?

Denn das es auch anders geht, beweisen, wie jedes Jahr zuvor auch, ganz besonders SARDH, die das Morphonic Lab V mit ihrer stark von Improvisation und Industrial/Sound-Experiment lebenden irren Klangperformance beschlossen und im Raum für eine unheimliche Dichte sorgten, während das Gebäude außen zu beben schien, mit Blitzen in den Fenstern. Drinnen Stimm-Meister Agarn in einer mystischen, dunklen und durchaus krassen Steigerung gefangen, mehr im Hintergrund Mastermind Detlef Schweger, den seltsamen, aber phantastischen Unterbeat anheizend. Ein Pulsieren im Raum, eine Implosion, die mit ihrem kaum kategorisierbaren, postindustriellen Klangwerk jeden verschlingt, der sich ihr nähert. Großartig!

Norbert Seidel

DNN 23.10.2006

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