Tonlagen: Morphonic Lab IX im Großen Garten (DNN)

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Dunkle Klangwallung

In diesen plötzlich ausgesproche kühlen, feuchten Nächten ein mitten im Park gelegenes, teilsaniertes Barockpalais in düsteres Ambiente zu tauchen ist allein noch keine große Kunst. Das jährlich stattfindende Morphonic Lab in seiner Gesamtkonzeption hingegen schon. Grenzgängerisch nicht nur zwischen Installation, Klang- und Lichtkunst, sondern vor allem akustisch-stilistisch. Das grundsätzlich morbide Bindemittel verleimt einen erstaunlichen Facettenreichtum jener finsteren Ansätze zum Gesamtkunstwerk als Event. Dabei galt in dieser neunten Ausgabe trotz allem eine gewisse Alleinstellung: Drei sogenannte „Monolithe“ akustischer Natur verteilten sich und ihre jeweiligen „Klangskulpturen“ über den Abend. Improvisatorisch derb und noise-verliebt starten Tonlast. Die Dresdner Industrial-Pioniere SARDH um den Morphonic-Lab-Chefingenieur Deflef Schweiger dürfen im im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens nicht fehlen und zünden ganz unfestgelegt ein wahres Bandbreiten-Feuerwerk zwischen Industrial-Grundsätzen alter Schule, Dark-Ambient-Flächen in Anlehnung an Fieldrecordings und verhäItnismäßig viel Dynamik auf der Bühne einschließlich einer beeindruckenden visuellen Untermalung. Zwischen Eisenbesen, Samples, Blechbeats und Blechschaden, reibenden Vocals und sattem Basskratzen entsteht ein beeindruckender Klangraum - der ldealfall für die ldee des Morphonic Labs. Das sich in diesem Jahr auch etwas konzentrierter, um nicht zu sagen: reduzierter präsentierte, hatten doch die Auf- und Umgänge der Labore in den letzten Jahren immer einen Hang zur Überfrachtung und Überlagerung von vielen kleinteiligen Projekten; der avantgardistische Kabelsalat scheint der Geschichte anzugehören.
Eher aus der Geschichte tauchten derweil als Hauptact FM Einheit (Ex-EinstürzendeN eubauten) und Irmler vom Experimental-Urgestein Faust auf, um aufgetürmte Soundmassen in Wallung zu versetzen. Da mag die Erwartungshaltung vielleicht auch ein wenig hoch gewesen sein und der Auftritt von SARDH zu fulminant - die beiden alten Hasen sorgen zwar für große Aufmerksamkeit und Spannung, obgleich nicht zwangsläufig für jedermanns Aufregung. Während Irmler sich intensiv hinter seine Orgelmaschinen-Burg verschanzte, um so gut wie einen ganzen Monolithenwald an dunklen, suggestiven Klangskttlpturen und -flächen aus dem Boden zu stampfen, sprühte FM Einheit nicht unbedingt vor Tatendrang, bearbeitete dennoch gewissenhaft von der Decke hängende Metallspiralen mit Hammer und Bohrmaschine, um für entsprechend Akzentsetzung zu sorgen.

Niklas Sommer

DNN 11.10.2010

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